Es gibt Antritte, die in Erinnerung bleiben – leider nicht immer im positiven Sinne. Die frisch gewählte Pro-Senectute-Präsidentin Alenka Bonnard lieferte bereits einen Tag nach ihrer Wahl ein Interview, das bei vielen Seniorinnen und Senioren für Stirnrunzeln sorgen dürfte.
Gegenüber den Tamedia-Zeitungen erklärte die 41-Jährige: «Mich persönlich stört, dass ein grosser Teil der Pensionierten keine 13. AHV-Rente bräuchte. Diesen Menschen geht es finanziell sehr gut.» Eine bemerkenswerte Aussage für jemanden, der ab sofort die Interessen eben dieser Generation vertreten soll. Man fragt sich unweigerlich: Wäre es der neuen Präsidentin lieber, es gäbe mehr arme Rentnerinnen und Rentner?
Besonders irritierend wirkt die Kritik an der 13. AHV-Rente aus dem Munde einer Juristin. Denn ein Blick in die Bundesverfassung genügt, um die Lage einzuordnen:
Statt die 13. AHV-Rente zu unterstützen, plädiert Bonnard für eine Stärkung der Ergänzungsleistungen. Was sie dabei offenbar vergisst: Ergänzungsleistungen helfen nur den Ärmsten – die vielen Rentnerinnen und Rentner, die knapp über der Schwelle liegen und sich jeden Franken zweimal umdrehen müssen, gehen dabei leer aus.
Bonnard tritt die Nachfolge der ehemaligen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an, die das Amt mit 70 Jahren abgibt. Auf die Frage, ob sie mit ihren 41 Jahren die Sorgen der älteren Generation überhaupt nachvollziehen könne, antwortete Bonnard selbstbewusst: «Ich selbst habe Eltern und viele Bekannte in diesem Alter.»
Und weiter: «Es ist keine Frage des Alters, die Wünsche, Anliegen und Probleme der älteren Generation zu verstehen.»
Eine Aussage, der wohl zahlreiche ältere Menschen deutlich widersprechen würden. Denn viele haben erst am eigenen Leib erfahren, was das Alter wirklich mit sich bringt – die Einsamkeit, die gesundheitlichen Einschränkungen, die finanziellen Sorgen, der schleichende Verlust von Selbstständigkeit. Das lässt sich nicht aus Büchern lernen und nicht durch Elternbesuche ersetzen.
Wie weit Bonnard von der Lebensrealität vieler Seniorinnen und Senioren entfernt ist, zeigte sich an einem weiteren Beispiel besonders deutlich. Auf die zunehmenden Schwierigkeiten mit der Digitalisierung – etwa beim Bezahlen von Parkgebühren, die vielerorts nur noch per Karte oder Handy möglich ist – winkte sie ab. Ihre Begründung: «Mittlerweile sind 89 Prozent der über 65-Jährigen online und daher hat nur ein kleiner Teil Mühe mit bargeldlosem Zahlen.»
Nur ein kleiner Teil? Elf Prozent der über 65-Jährigen – das sind Hunderttausende von Menschen in der Schweiz, die bei der Digitalisierung nicht mithalten können. Für die Präsidentin einer Organisation, die sich genau um diese verletzlichen Menschen kümmern sollte, eine erstaunlich gleichgültige Haltung.
Die Erwartungen an die neue Pro-Senectute-Präsidentin sind hoch. Die Organisation vertritt die Interessen von über 1,6 Millionen Rentnerinnen und Rentnern in der Schweiz. Sie verdienen eine Stimme, die ihre Sorgen nicht kleinredet, ihre Ängste nicht beiseite wischt und ihre Bedürfnisse nicht mit Statistiken relativiert.
Frau Bonnard hat in ihrem ersten Interview die Chance verpasst, Vertrauen aufzubauen. Es bleibt zu hoffen, dass sie aus den kritischen Reaktionen lernt – und künftig für die ältere Generation spricht statt über sie.
Denn eines ist sicher: Wer die Interessen der Älteren vertreten will, muss erst einmal zuhören.