Aromat wird amerikanisch – und die Schweiz steht Kopf – Visento
Aromat wird amerikanisch – und die Schweiz steht Kopf
Konsum
Illustration: myAi

Aromat wird amerikanisch – und die Schweiz steht Kopf

02.04.2026
von Roland Peter · 39 x gelesen

Es gibt Produkte, die sind mehr als Produkte. Sie sind Identität. Aromat gehört dazu – genauso wie Rivella, Ricola oder Zweifel. Seit 1952 wird die legendäre Streuwürze im schaffhausischen Thayngen hergestellt. Kaum ein Schweizer Haushalt, in dem die gelbe Dose nicht irgendwo zwischen Pfeffer und Paprika steht.

Doch nun ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden: Der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever, dem die Marke Knorr gehört, fusioniert sein gesamtes Lebensmittelgeschäft mit dem US-Gewürzriesen McCormick. Volumen des Megadeals: rund 44,8 Milliarden Dollar. Damit wird auch Aromat künftig unter amerikanischer Flagge segeln.

180 Jobs und eine bange Frage

Was für Aktionäre nach einer nüchternen Geschäftstransaktion klingt, hat für die Region Schaffhausen ganz konkrete Konsequenzen. In der Knorr-Fabrik in Thayngen arbeiten heute rund 180 Menschen. Einst waren es über tausend. Die zentrale Frage lautet: Bleibt die Produktion in der Schweiz?

Die Sorge ist nicht unbegründet. Die beiden Konzerne haben jährliche Kosteneinsparungen von 600 Millionen Dollar angekündigt. Solche Summen lassen sich kaum einsparen, ohne dass Standorte geschlossen werden. Ein Aus für Thayngen wäre ein harter Schlag – nicht nur für die Belegschaft, sondern für die gesamte Region.

«Aromat ghört dr Schwiiz»

Was die Konzernstrategen nüchtern als Synergie bezeichnen, schmeckt den Aromat-Fans gar nicht. Allen voran Michael C. Oehl, einem 34-jährigen Unternehmer aus Arlesheim BL. Unter dem Titel «Aromat ghört dr Schwiiz» hat er kurzerhand eine Petition lanciert – verbunden mit einem 4-Punkte-Plan, der es in sich hat:

  • Eine Produktionsgarantie für den Standort Thayngen
  • Das Original-Rezept muss unangetastet bleiben
  • Prüfung einer Schweizer Lösung – etwa eine Aromat Schweiz AG oder eine Genossenschaft
  • Eine Volksaktie, damit jeder Schweizer Mitbesitzer werden kann

«Ich will nicht, dass wir unsere Schweizer Traditionen Stück für Stück verkaufen», sagt Oehl. Die Liste der Marken, die bereits in ausländische Hände gewandert sind, sei lang genug: Sigg, Toblerone, Sugus, Ovomaltine. «Irgendwann muss man aufstehen und handeln.»

Mehr als ein Gewürz – eine Kindheitserinnerung

Was treibt einen jungen Unternehmer dazu, sich für eine Streuwürze ins Zeug zu legen? Bei Oehl ist die Antwort so einfach wie berührend: Erinnerungen.

«Aromat war immer dabei. Mitten in der Natur, auf einem Berg. Gurken, Tomaten, hartgekochte Eier – und Aromat. Dieses Bild habe ich heute noch vor Augen. Für mich ist Aromat kein Gewürz – es ist eine Kindheitserinnerung.»

Die Idee zur Rettungsaktion sei ihm am vergangenen Freitag unter der Dusche gekommen – als er im Radio vom Deal gehört habe. Manchmal entstehen die besten Ideen eben dort, wo man am wenigsten damit rechnet.

Wie weiter?

Ob die Petition Wirkung zeigt, ob die Produktion in Thayngen bleibt und ob die Amerikaner tatsächlich die Finger vom Rezept lassen – all das wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Oehls Strategie: parat sein und zuschlagen, sobald McCormick den Deal konsolidiert und möglicherweise kleinere Marken abstösst.

Eines ist sicher: Die gelbe Dose hat in der Schweiz einen Nerv getroffen, der weit über Geschmacksfragen hinausgeht. Es geht um Heimat. Um Identität. Um die Frage, was eigentlich noch schweizerisch ist – wenn selbst das Salz in der Ursuppe plötzlich amerikanisch wird.

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