Warum verzichten Menschen auf Ergänzungsleistungen? – Visento
Warum verzichten Menschen auf Ergänzungsleistungen?
Politik/Gesellschaft

Warum verzichten Menschen auf Ergänzungsleistungen?

22.09.2026
von Roland Peter · 18 x gelesen

Ergänzungsleistungen (EL) sind ein wichtiger Teil der sozialen Sicherheit in der Schweiz. Sie helfen älteren Menschen, wenn AHV und weitere Einkünfte nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Damit können sie dazu beitragen, Armut im Alter zu verhindern und ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Doch längst nicht alle Menschen, die Anspruch auf Ergänzungsleistungen hätten, beziehen diese auch. Gemäss dem Altersmonitor von Pro Senectute befinden sich schätzungsweise 15,7 Prozent der zu Hause lebenden Menschen ab 65 Jahren in einer Situation des EL-Nichtbezugs. Das sind rund 230'000 Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen und persönlichen Situation möglicherweise Anspruch auf Ergänzungsleistungen zur AHV hätten, diese aber nicht beziehen.

Das zeigt: Eine wichtige Frage ist nicht nur, welche Unterstützung angeboten wird. Ebenso wichtig ist, ob die Unterstützung die Menschen auch erreicht, die sie benötigen.

Warum verzichten Menschen auf Ergänzungsleistungen?

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Manche ältere Menschen wissen gar nicht, dass sie möglicherweise Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben. Andere können nur schwer einschätzen, ob sich eine Anmeldung für sie lohnt.

Auch der administrative Aufwand kann abschrecken. Formulare, Unterlagen und finanzielle Angaben wirken auf manche Menschen kompliziert. Dazu kommen persönliche Gründe: Scham, die Angst vor einer Stigmatisierung oder das Gefühl, staatliche Unterstützung möglichst nicht in Anspruch nehmen zu wollen.

Für Menschen ohne Schweizer Pass können zusätzlich Unsicherheiten darüber entstehen, ob der Bezug von Ergänzungsleistungen Auswirkungen auf ihren Aufenthaltsstatus haben könnte.

Besonders häufig von einem Nichtbezug betroffen sind unter anderem Frauen, Verwitwete und Menschen mit einem tieferen Bildungsabschluss. Auch gesundheitliche oder kognitive Einschränkungen sowie fehlende Unterstützung durch Angehörige können den Zugang erschweren.

Hilfe sollte nicht erst beginnen, wenn jemand danach fragt

Das heutige System funktioniert weitgehend nach dem Prinzip: Wer Unterstützung benötigt, muss sich selbst darum kümmern. Die betroffene Person muss erkennen, dass möglicherweise ein Anspruch besteht, Informationen suchen und einen Antrag stellen.

Das kann gerade im höheren Alter schwierig sein. Nach dem Tod des Partners, bei gesundheitlichen Problemen oder wenn die Selbstständigkeit abnimmt, kommen oft viele neue Herausforderungen gleichzeitig zusammen. In solchen Situationen kann ein kompliziertes Antragsverfahren schnell zu einer zusätzlichen Belastung werden.

Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel. Entscheidend sollte nicht nur sein, ob jemand einen Antrag stellt, sondern auch, wie Menschen mit einem möglichen Anspruch frühzeitig erreicht und unterstützt werden können.

Persönliche Beratung kann vieles erleichtern

Gerade bei finanziellen Fragen ist Vertrauen wichtig. Die Erfahrungen von Pro Senectute zeigen, wie wertvoll eine persönliche Beratung sein kann.

Viele ältere Menschen suchen erst dann eine Beratungsstelle auf, wenn sie mit jemandem über ihre Situation sprechen können. Gemeinsam lässt sich klären, ob ein Anspruch auf Ergänzungsleistungen bestehen könnte, welche Unterlagen benötigt werden und wie eine Anmeldung vorbereitet werden kann.

Eine solche Beratung hilft nicht nur bei Formularen. Sie kann auch Unsicherheiten, Vorbehalte und Berührungsängste abbauen.

Wichtig sind deshalb auch Stellen, die ältere Menschen im Alltag bereits kennen. Dazu gehören beispielsweise Hausärztinnen und Hausärzte, Spitex-Organisationen, Gemeinden, Sozialdienste und Altersorganisationen. Sie bekommen finanzielle Schwierigkeiten häufig früh mit und können Betroffene auf mögliche Unterstützung aufmerksam machen.

Informationen müssen verständlich sein

Wer sich über Ergänzungsleistungen informieren möchte, sollte nicht zuerst komplizierte Fachbegriffe verstehen müssen. Informationen müssen möglichst klar, verständlich und gut zugänglich sein.

Auch mehrsprachige Informationen werden immer wichtiger. Eine vielfältige Gesellschaft bedeutet, dass ältere Menschen unterschiedliche sprachliche und kulturelle Hintergründe mitbringen. Sprachliche Hürden dürfen nicht dazu führen, dass jemand eine mögliche Unterstützung nicht in Anspruch nimmt.

Auch die zunehmende Digitalisierung bietet Chancen. Online-Formulare und digitale Angebote können vieles vereinfachen. Sie dürfen jedoch nicht zum neuen Hindernis werden. Persönliche Beratung und analoge Möglichkeiten bleiben deshalb wichtig.

Besondere Situationen können ein wichtiger Hinweis sein

Ein möglicher Anspruch auf Ergänzungsleistungen entsteht oft im Zusammenhang mit einschneidenden Veränderungen im Leben. Dazu gehören beispielsweise eine Verwitwung, ein Heimeintritt, steigende Gesundheitskosten oder zunehmender Unterstützungs- und Pflegebedarf.

Gerade solche Situationen bieten die Möglichkeit, Menschen gezielt auf ihre Ansprüche hinzuweisen.

Wer beispielsweise neu eine AHV-Rente bezieht, Unterstützung bei Pflegekosten benötigt oder einen Heimeintritt plant, könnte gleichzeitig Informationen über mögliche Ergänzungsleistungen erhalten.

Deshalb wird zunehmend darüber diskutiert, wie Menschen künftig beispielsweise durch automatische Hinweise oder vereinfachte Vorprüfungen auf einen möglichen Anspruch aufmerksam gemacht werden könnten. Dabei müssen selbstverständlich der Datenschutz und die persönlichen Rechte gewahrt bleiben.

Ergänzungsleistungen bedeuten mehr als finanzielle Hilfe

Ergänzungsleistungen sind nicht nur eine Unterstützung gegen Armut. Sie können auch dazu beitragen, dass ältere Menschen selbstständig bleiben, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können.

Diese Bedeutung wird künftig noch zunehmen. Ab Anfang 2028 werden Leistungen für Hilfe und Betreuung zu Hause schweizweit stärker über die Ergänzungsleistungen berücksichtigt. Dazu gehören unter anderem Haushaltshilfen, Mahlzeitenangebote sowie Begleit- und Fahrdienste.

Damit soll selbstbestimmtes Wohnen unterstützt und dazu beigetragen werden, dass ein Heimeintritt nicht früher notwendig wird, als es tatsächlich erforderlich ist.

Damit diese Unterstützung ihre Wirkung entfalten kann, müssen jedoch auch jene Menschen erreicht werden, die heute noch keine Ergänzungsleistungen beziehen. Gute Information, persönliche Beratung und möglichst einfache Zugänge sind deshalb entscheidend.

← Zurück zur Übersicht
100%