Mein Geschlecht «Peter» ist seit 1645 im Kanton Luzern nachweisbar. Fast 400 Jahre. Und trotzdem bin ich kein Eidgenosse. Nicht im historischen Sinne. Denn Eidgenossen – das waren die Schwurgenossen der Urschweiz. Männer aus Uri, Schwyz und Unterwalden, die 1291 auf dem Rütli einen Bund beschworen. Oder je nach Historiker: vielleicht auch nicht. Aber das ist ein anderes Thema.
Fakt ist: Würden heute nur noch echte Eidgenossen in der Schweiz wohnen – also direkte Nachkommen jener Schwurgemeinschaft – dann wäre dieses Land ziemlich leer. Kein Zürcher. Kein Berner. Kein Basler. Kein Luzerner. Keine Romands. Keine Tessiner. Alles Zugezogene. Alles «Fremde», die irgendwann dazukamen. Manche freiwillig, manche durch Eroberung, manche durch Heirat, manche durch Zufall.
Die Schweiz, wie wir sie kennen, ist nicht das Produkt einer geschlossenen Eidgenossenschaft. Sie ist das Produkt von Jahrhunderten der Durchmischung, der Zuwanderung, der Integration. Jeder Kanton hat seine eigene Geschichte des «Dazukommens». Und jeder, der heute «Die Schweiz den Eidgenossen» ruft, müsste sich zuerst fragen: Bin ich selbst einer?
Übrigens: Es gibt noch eine zweite Bedeutung. Eidgenosse nennt man auch Schwinger, die den Eidgenössischen Kranz gewonnen haben. Das bin ich ebenfalls nicht. Mein Körperbau eignet sich eher für den Schreibtisch als für den Sägemehlring.
Was bleibt also von der Parole?
Ein Mythos. Ein schöner, kraftvoller Mythos – aber eben: ein Mythos. Wer ihn als politisches Argument verwendet, müsste ihn zuerst verstehen. Und wer ihn versteht, merkt schnell: Die Schweiz gehört nicht «den Eidgenossen». Sie gehört allen, die hier leben, arbeiten, Steuern zahlen und dieses Land mittragen. Seit 1291. Seit 1645. Seit gestern.
Die Frage ist nicht, wer zuerst hier war. Die Frage ist, wer heute Verantwortung übernimmt. Für dieses Land. Für seine Zukunft. Für seine Demokratie.
Wer «Die Schweiz den Eidgenossen» fordert, sollte zuerst in den Spiegel schauen. Die Chance, dass dort kein Eidgenosse zurückblickt, ist ziemlich gross.