43 Prozent der Ärzte in der Schweiz haben heute einen ausländischen Abschluss. 2011 waren es noch 25 Prozent. Die Tendenz: steigend. Nicht weil die Schweiz zu wenig will – sondern weil sie zu wenig ausbilden kann. Die Schweiz bräuchte jährlich 3'500 bis 4'000 neue Ärzte. Aktuell bildet sie rund 1'300 aus. Selbst bei einer sofortigen, massiven Aufstockung würde es zehn Jahre dauern, bis diese Ärzte einsatzbereit wären. Zehn Jahre – in denen das System ohne ausländische Fachkräfte zusammenbricht.
Warum nicht einfach mehr ausbilden?
- Der Numerus Clausus begrenzt die Studienplätze
- Die Ausbildungskosten sind enorm
- Es fehlen Praktikumsplätze in Spitälern und Praxen
- Von der Einschreibung bis zum fertigen Facharzt vergehen 12 bis 15 Jahre
Man kann nicht von heute auf morgen von 1'300 auf 3'500 Absolventen springen. Das ist keine Frage des Willens – es ist eine Frage der Realität.
Wer sind diese «ausländischen Ärzte»?
Keine «Einwanderer» im karikativen Sinne der politischen Debatte. Oft sind es junge Europäer – aus Frankreich, Deutschland, Italien – die ihre gesamte Facharztausbildung hier absolviert haben. Nach Jahren in unserem System sind sie Teil unseres Systems. Sie operieren, behandeln, retten Leben. Jeden Tag.
Was passiert bei einem JA?
Eggimann warnt deutlich:
- Junge ausländische Ärzte würden woanders hingehen – ein politisches Signal wirkt sofort
- Sollte die EU ihren Ärzten die Ausreise erschweren, stünde die Schweiz vor einer «katastrophalen Lage»
- Die konkreten Folgen für Patienten: längere Wartezeiten, weniger Hausärzte, überlastete Notfälle, verschobene Operationen
- Paradoxerweise könnten die Kosten steigen – durch teure Temporärarbeit und spätere Behandlungen
120 Ärzte der Romandie sagen ebenfalls NEIN
In einem offenen Brief stellen sich rund 120 Ärzte gegen die Initiative. Ihr Fazit: Die Initiative greift echte Probleme wie Wohnungsnot und Verkehr auf – löst aber keines davon. Stattdessen schwächt sie ausgerechnet jenes System, das uns alle betrifft: die medizinische Versorgung.
Wer glaubt, der Ärztemangel löse sich durch einen Bevölkerungsdeckel, hat das Problem nicht verstanden. Man kann Ärzte nicht per Verfassungsartikel herbeizaubern. Man braucht 15 Jahre, um sie auszubilden. Und bis dahin braucht man jene, die heute schon da sind – und morgen vielleicht gehen, wenn wir ihnen sagen: Ihr seid nicht willkommen.
Quelle: «Le Temps», Interview mit Philippe Eggimann, Vizepräsident FMH, 26. Mai 2026