Anfangs dieses Monats wurde bekannt, dass 2027 eine tägliche Obergrenze der ärztlichen Leistung von höchstens 1577 Taxpunkten (im Monatsdurchschnitt) im Tardoc eingeführt werden soll. Diese Begrenzung stellt einen tiefgreifenden Eingriff in die ambulante Gesundheitsversorgung dar: Ärzte und Ärztinnen müssten nach Erreichen einer administrativ festgelegten Tageslimite ihre Tätigkeit beenden, obwohl weiterhin Patienten auf medizinische Behandlung angewiesen wären.
Mit Respekt, war dies dem Parlament wirklich bewusst, als es im März 2025 dem Kostendämpfungspaket 2 zustimmte?
Das Fass ist damit nun definitiv am Überlaufen, was in den letzten Wochen zu einem ausserordentlich massiven Reaktion der Ärzteschaft und Ärzteorganisationen geführt hat. Es läuft eine erfolgreiche Petition, und viele Aerzteorganisationen haben Stellungnahmen veröffentlicht. Dass dies erst jetzt geschieht, ist auf die ungenügende Information der direkt Betroffenen zurückzuführen.
Prof. Dr. med. Paul Mohacsi, Kardiologe und Internist, Zürich; ehemaliger Chefarzt auf der Kardiologie Inselspital Bern.
Prof. Dr. med. Ralph Schmid, Università della Calabria, I-Cosenza; ehemaliger Direktor Thoraxchirurgie Inselspital Bern.
In der Schweiz glaubt man, dass Kanada auch im Gesundheitswesen Vorbildcharakter hat. Weniger bekannt ist, dass in der Provinz British Columbia 45 Prozent der Steuereinnahmen in das Gesundheitswesen gehen. Die Bevölkerung ist zunehmend unzufrieden, nicht zuletzt, da letztlich der Staat entscheidet, was einer Patientin oder einem Patienten diagnostisch und therapeutisch medizinisch zugestanden wird.
Uzair Jamil, Joshua M. Pearce: «Government Economics of Expanding Canada’s Medical Assistance in Dying to Vulnerable Populations and the Ethical Implications of Allowing the State to Control Death», in: «Omega – Journal of Death and Dying», Februar 2025. doi: 10.1177/00302228251323299
Möchten wir dies in der Schweiz wirklich auch haben? Oder möchten wir englische Verhältnisse (siehe das unbeliebte NHS)? Müssen wir wirklich alles nachahmen, was oft im Ausland wieder verworfen wird? Deutschland ist ein bekanntes Beispiel, wo gelegentlich Praxen Mitte Jahr aufhören zu arbeiten, da – wie jetzt in der Schweiz geplant – ein Verrechnungsdeckel existiert und da dann die Fixkosten der Praxen nicht mehr durch Einnahmen abgedeckt sind.
Lange Wartezeiten und reduzierte Betreuungsqualität, dies wäre unsere Zukunft, wenn wir mit der Staatsmedizin so weiterfahren.
Es geht der engagiert und ehrlich arbeitenden Ärzteschaft nicht primär um das Geld, sondern um die Patienten. Wie überall gibt es schwarze Schafe, für die weitaus überwiegende Anzahl der Ärzte steht jedoch das Patientenwohl im Vordergrund. Diejenigen, die das System bis aufs Letzte ausnützen, können nicht als Argument gegen die gesamte Ärzteschaft verwendet werden – was Politik und Medien jedoch immer wieder tun.
Niemand käme auf die Idee, die Löhne von Beratern, Juristen oder Notaren zu deckeln, nur weil einige ihre Einnahmen zu hoch ansetzen.
Laut dem Bundesamt für Statistik beliefen sich die Gesundheitsausgaben für das Jahr 2024 auf 97 Milliarden Franken, was rund 12 Prozent des BIP entspricht. Dabei wird nur 9 Prozent des Gesamtbudgets für Ärztevergütungen und Löhne aufgewendet.
«Diejenigen, die das System bis aufs Letzte ausnützen, können nicht als Argument gegen die gesamte Ärzteschaft verwendet werden – was Politik und Medien jedoch immer wieder tun.»
Doch der Bevölkerung wird ständig und zeitweise mit Vorsatz eingetrichtert, dass die Ärzteschaft ‘die Bösen’ darstellt, weil wegen ihr die Krankenkassenprämien immer weiter steigen. Ignoriert wird dabei, dass die medizinischen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zum Wohle der Patienten immer besser werden, was viel Geld kostet. Die Lebenserwartung ist in der Schweiz seit 1975 im Durchschnitt um 11 Jahre angestiegen. Die Bevölkerungsstruktur ändert sich (prozentuale Zunahme der älteren Bevölkerung; stetige Zunahme der in der Schweiz lebenden Menschen).
Und vor allem gibt es eine eklatante Zunahme der Bürokratie und Administration, auch in der Schweiz. Die äusserst kostenintensive Bürokratie ist für das an der Front arbeitende medizinische Personal belästigend, zeitaufwendig und meist kontraproduktiv. Warum gibt es dazu keine Statistik, wie in den USA? Oder will man etwas in der Schweiz verheimlichen?
Für die Politik und für Gesundheitsexperten, aber auch für die massiv zunehmende Anzahl von Firmen in diesem Bereich ist das Gesundheitswesen ein ideales Tummelfeld – mit dem Ziel, finanziell quasi «im Stillen» möglichst viel für sich selber abzuservieren.
Zusammengefasst: Die Bevölkerung wird zum Gesundheitswesen falsch informiert. Die Einführung einer täglichen Obergrenze der ärztlichen Leistung im Tardoc ist für die Betreuungsqualität schlecht. Das Schweizer Gesundheitswesen könnte massiv Kosten einsparen und die Qualität deutlich steigern, wenn die von der Politik vorangetriebene schwere Überregulierung und Bürokratie endlich abgebaut respektive annulliert würde.
Es stellt sich die Frage nach der Effizienz des Systems: Welcher Anteil des gesamten Gesundheitsbudgets kommt wirklich dem Patienten zugute? Und was versickert in Administration und Bürokratie?
Leider gibt es allzuviele Meinungsgeber (bis hin in die höchsten Instanzen), die von klinischer Medizin wenig Ahnung haben und unser Gesundheitswesen in den Abgrund treiben. Wer meint, er wüsste es besser, sollte bitte beachten, dass die 24/7 vorhandene medizinische Betreuung von Patienten eine riesige Verantwortung bedeutet.
Und dass dieses Wissen einen sehr grossen Hintergrund benötigt, die nicht von einem Tag auf den anderen entstand.
Quelle: Medinside, 24. Juli 2026