Die Fakten sind unstrittig: Patrick Fischer, langjähriger Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, hat 2021 über den Messengerdienst Telegram ein gefälschtes Covid-Zertifikat gekauft. Damit reiste er 2022 zu den Olympischen Spielen nach Peking – wohlwissend, dass er ohne gültiges Zertifikat nicht hätte einreisen dürfen. Er liess sich öffentlich als geimpft feiern, obwohl er es nicht war. Die Staatsanwaltschaft Luzern verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 38'910 Franken wegen Urkundenfälschung. Das Urteil ist rechtskräftig.
Als SRF den Fall im Rahmen einer journalistischen Recherche aufdeckte – Fischer selbst hatte dem Journalisten bei einem Porträt-Dreh davon erzählt – trennte sich Swiss Ice Hockey von seinem Trainer. Wenige Wochen vor der Heim-WM.
Was darauf folgte, kennt man aus dem Lehrbuch der Online-Manipulation: Innerhalb weniger Stunden schoss eine Petition auf der Website nati-coach.ch in die Höhe. «Lasst Patrick Fischer die WM coachen!» Am Freitagmittag zeigte der Zähler über 220'000 Stimmen. Minütlich kamen Hunderte dazu. Medien wie nau.ch und Blick griffen die Zahl begeistert auf. Ein Volksaufstand, so schien es.
Doch schauen wir genauer hin:
Von 220'000 auf 529. Das ist kein Rundungsfehler. Das ist der Unterschied zwischen Fiktion und Realität.
Selbst wenn wir – rein hypothetisch – die 220'000 Stimmen für bare Münze nähmen: Die Schweiz hat über 9 Millionen Einwohner. Das bedeutet, dass über 8'780'000 Menschen diese Petition nicht unterzeichnet haben. Das sind 97,5 Prozent der Bevölkerung. Von einem «Volksaufstand» zu sprechen, ist nicht nur irreführend – es ist grotesk.
Zum Vergleich: Eine Volksinitiative in der Schweiz braucht 100'000 verifizierte Unterschriften von Stimmberechtigten – mit Handunterschrift, Gemeinde und Geburtsdatum. Das ist Demokratie. Eine Website, auf der man als Kilian Mbappé abstimmen kann, ist es nicht.
Wer die Kommentarspalten, Facebook-Gruppen und Foren durchliest, erkennt rasch ein Muster. Es sind nicht primär Eishockey-Fans, die hier den Ton angeben. Es ist eine vertraute Mischung aus Corona-Skeptikern, Massnahmengegnern und Medienhassern, die den «Fall Fischer» als willkommenes Vehikel nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen.
Der SRF-Journalist Pascal Schmitz, der die Geschichte recherchierte, wird seither als «Denunziant», «Vollidiot» und Schlimmeres beschimpft. Über 180 Zuschriften gingen bei SRF ein – die Mehrheit davon feindselig. Es geht diesen Leuten nicht um Eishockey. Es geht um die alte Wut auf «die Medien», auf «das System», auf alle, die während der Pandemie Regeln befolgten, während andere sie brachen.
Patrick Fischer ist für diese Kreise kein Sporttrainer. Er ist ein Symbol: Der Mann, der sich nicht impfen liess, der das System austrickste – und der jetzt dafür «bestraft» wird. Ein Held der Massnahmengegner. Ein Märtyrer wider Willen.
Lassen wir die Emotionen beiseite und bleiben bei den Fakten:
Die drei WM-Silbermedaillen sind eine grossartige sportliche Leistung. Aber sie sind kein Freipass für Urkundenfälschung. Und sportlicher Erfolg ist kein Argument gegen Rechtsstaatlichkeit.
Was an dieser orchestrierten Empörungswelle am meisten beunruhigt, ist nicht die Petition selbst. Es ist die Botschaft, die dahintersteckt: Wenn jemand erfolgreich genug ist, darf er lügen. Wenn jemand beliebt genug ist, stehen Gesetze zur Disposition. Wenn genügend Leute laut genug schreien, wird aus Unrecht Recht.
Das ist keine Verteidigung eines Sporttrainers. Das ist ein Angriff auf die Grundwerte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten: Ehrlichkeit, Verantwortung und die Gleichheit vor dem Gesetz.
Wer in den nächsten Tagen auf Facebook, Instagram oder WhatsApp aufgefordert wird, «für Patrick Fischer» abzustimmen oder die «SRF-Hetze» zu verurteilen – dem sei ein kurzes Innehalten empfohlen. Fragen Sie sich:
220'000 nicht verifizierte Klicks sind kein Volkswille. Sie sind ein digitales Rauschen. Nicht mehr – und nicht weniger.
Vertrauen Sie Ihrem eigenen Urteilsvermögen. Nicht dem Zähler einer anonymen Website.
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