Warum die SVP-Initiative viel verspricht, aber wenig hält - Ein ketzerischer Kommentar – Visento
Warum die SVP-Initiative viel verspricht, aber wenig hält - Ein ketzerischer Kommentar
Politik/Gesellschaft

Warum die SVP-Initiative viel verspricht, aber wenig hält - Ein ketzerischer Kommentar

22.04.2026
von Roland Peter · 70 x gelesen

Wer heute in Zürich eine bezahlbare Wohnung sucht, im Feierabendstau auf der A1 steht oder sich im überfüllten IC zwischen Bern und Zürich einen Stehplatz erkämpft, der weiss: Dieses Land stösst an Grenzen. Die Schweiz hat aktuell rund 9,08 Millionen Einwohner, und die Folgen des Wachstums sind überall spürbar – Wohnungsnot, Dichtestress, überlastete Infrastruktur, steigende Kriminalität. Die Sorgen sind berechtigt, die Frustration verständlich.

Dann kommt die SVP mit ihrer Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» daher – und sagt: Wir haben die Lösung. Aber hat sie die wirklich?

🔍 Was die Initiative tatsächlich will

Schauen wir nüchtern hin: Die Initiative will die Bevölkerung bis 2050 auf maximal zehn Millionen begrenzen. Ab 9,5 Millionen – eine Marke, die laut Bund frühestens um 2031 erreicht wird – soll der Bundesrat Massnahmen ergreifen, «insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug». Reicht das nicht, müssen internationale Abkommen neu verhandelt werden. Und als letztes Mittel? Die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens mit der EU.

Klingt entschlossen. Klingt nach Handeln. Aber halt – rechnen wir kurz nach.

Wer heute im Stau steht, hat ein Problem im Jahr 2026 – nicht im Jahr 2050. Wer heute keine Wohnung findet, braucht eine Lösung jetzt – nicht eine Verfassungszahl, die in einem Vierteljahrhundert greifen soll.

Die Initiative ist im Grunde ein Versprechen auf Übermorgen für die Probleme von Gestern und Heute.

Und selbst dieses Versprechen ist hohl: SVP-Chef Marcel Dettling betont, dass auch bei Annahme der Initiative weiterhin 40’000 Personen pro Jahr zuwandern könnten. 40’000! Das ist ungefähr so, als würde man jedes Jahr eine Stadt von der Grösse Thuns in die Schweiz einpflanzen – und gleichzeitig behaupten, man begrenze die Zuwanderung. Man muss kein Mathematikprofessor sein, um hier einen Widerspruch zu erkennen.

🏥 Der Elefant im Spital

Nun wird es richtig ketzerisch: 72 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz stammen aus dem Ausland. Wer im Pflegeheim liegt – und viele Leserinnen und Leser von visento.ch kennen jemanden, der das tut –, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Pflegefachkraft betreut, die nicht mit Schweizer Pass geboren wurde.

Was also passiert, wenn wir die Zuwanderung radikal drosseln? Richtig: Dieselben Senioren, die heute über überfüllte Züge klagen, klagen morgen über leere Spitalbetten und fehlende Ärzte. Die Initiative behandelt Zuwanderung wie ein Wasserhahn, den man einfach zudrehen kann – und vergisst dabei, dass an diesem Hahn auch die Infusion hängt.

Déjà-vu à l’anglaise

Bundesrat Beat Jans hat einen Vergleich gezogen, der schmerzt, aber sitzt: den Brexit. Die Briten wollten die Einwanderung stoppen, die Souveränität zurückholen, «Take Back Control». Was ist passiert? Die Einwanderung ist gestiegen, nicht gesunken – sie kommt jetzt einfach aus anderen Ländern. Die Wirtschaft ächzt. Und die Versprechen? Lösten sich auf wie der Morgennebel über der Themse.

Die Parallelen sind frappierend: Auch die SVP-Initiative verspricht Kontrolle, bietet aber keinen konkreten Mechanismus, wie die Bevölkerungsobergrenze tatsächlich umgesetzt werden soll. Eine Zahl in der Verfassung ist noch keine Politik. Sie ist bestenfalls ein Wunsch, schlimmstenfalls eine Drohkulisse, die unsere Beziehungen zur EU aufs Spiel setzt.

Die richtige Frage, die falsche Antwort

Hier liegt der eigentliche Denkfehler der Initiative – und hier wird es wirklich ketzerisch:

Es geht nicht darum, wie viele wir sind. Es geht darum, wie wir uns organisieren.

Tokio hat 37 Millionen Einwohner und einen funktionierenden öffentlichen Verkehr. Die Niederlande haben eine Bevölkerungsdichte von über 500 Personen pro Quadratkilometer – fast das Doppelte der Schweiz – und bauen trotzdem genug Wohnungen. Singapur quetscht 5,5 Millionen Menschen auf eine Fläche, die kleiner ist als der Kanton Schwyz, und gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt.

Das Problem der Schweiz ist nicht, dass wir 9 Millionen sind. Das Problem ist, dass wir für 7 Millionen planen und für 9 Millionen leben. Die Raumplanung hinkt, der Wohnungsbau wird blockiert (oft genug von denselben Kreisen, die über Wohnungsnot klagen), und der Infrastrukturausbau kommt im Tempo einer Schnecke voran.

Das Geschäft mit der Angst

Seien wir ehrlich: Die SVP weiss genau, was sie tut. Die Initiative ist kein Problemlösungsinstrument – sie ist ein Mobilisierungsinstrument. Sie nimmt reale Ängste, bündelt sie in einer eingängigen Zahl («10 Millionen!»), und bietet eine scheinbar einfache Lösung für hochkomplexe Probleme.

Das funktioniert. In den Umfragen liefern sich Befürworter und Gegner ein Kopf-an-Kopf-Rennen (45% Ja, 47% Nein, gemäss Tamedia/20 Minuten). Die Emotionen kochen. Und genau das ist der Zweck.

Aber wer nach einem langen Leben gelernt hat, zwischen Schlagworten und Substanz zu unterscheiden, der stellt fest: Die Initiative ist ein Pflaster auf einem Beinbruch. Sie adressiert ein Gefühl, nicht ein Problem. Sie schreibt eine Zahl in die Verfassung, statt Wohnungen zu bauen, Züge zu bestellen, Infrastruktur auszubauen und kluge Integrationsarbeit zu leisten.

Fazit eines Ketzers

Ja, die Schweiz hat ein Wachstumsproblem. Ja, die Zuwanderung muss gesteuert werden. Ja, Wohnungsnot, Stau und Kriminalität sind real und ernst zu nehmen. Aber wer glaubt, eine Zahl in der Verfassung löse diese Probleme, der glaubt auch, ein Fieberthermometer könne eine Erkältung heilen.

Am 14. Juni 2026 stimmen wir ab. Was auch immer das Ergebnis sein wird – die Wohnung wird am 15. Juni immer noch zu teuer sein, der Stau immer noch lang, und der Zug immer noch voll. Denn die Initiative löst keines dieser Probleme.  Sie verspricht es nur.

Denken Sie selber. Das war schon immer die beste Schweizer Tradition.

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ℹ️ Info

«Wer pflegt Sie morgen?»

Was die 10-Millionen-Initiative für Seniorinnen und Senioren wirklich bedeuten könnte

Lesen Sie diese Zahlen. U

  • 40,4 % aller Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz haben ein ausländisches Diplom (FMH Ärztestatistik 2024)
  • 33 % des gesamten Spitalpersonals sind ausländische Staatsangehörige (H+ Branchenverband)
  • 30–35 % der Pflegefachkräfte in Heimen und Spitälern kommen aus dem Ausland
  • In der Westschweiz und im Tessin liegt der Ausländeranteil beim Spitalpersonal bei über 40 %

Das bedeutet: Wenn Sie heute ins Spital gehen, ist statistisch gesehen fast jeder zweite Arzt, der Sie behandelt, zugewandert. Die Pflegefachfrau, die Ihnen nachts das Kissen richtet? Mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls.

Und jetzt schauen wir nach vorne – und es wird ungemütlich:

Laut einer Studie von PwC Schweiz fehlen bis 2030 über 32’500 Pflegekräfte und Ärzte in den Schweizer Spitälern. Bis 2040 könnten es 45’000 unbesetzte Stellen sein – davon allein 39’500 in der Pflege. Schon heute sind über 8’600 Pflegestellen in der Schweiz unbesetzt. Eine offene Stelle bleibt im Durchschnitt 48 Tage vakant – 48 Tage, in denen jemand anderes die Arbeit mittragen muss.

46 Prozent aller Pflegenden verlassen den Beruf vor der Pensionierung – ausgebrannt, unterbezahlt, überlastet. Und die Schweiz bildet nicht annähernd genug Nachwuchs aus, um auch nur die Hälfte des prognostizierten Bedarfs zu decken.

Jetzt die Gretchenfrage:

Wer soll diese Lücke füllen, wenn die Zuwanderung gedrosselt wird? Die SVP-Initiative nennt als Haupthebel «insbesondere den Asylbereich und den Familiennachzug». Aber die Ärzte kommen nicht aus dem Asylbereich. Sie kommen aus Deutschland (50,2 %), aus Italien (9,5 %), aus Frankreich (7,1 %), aus Österreich (6 %) – über die Personenfreizügigkeit. Genau jene Personenfreizügigkeit, die bei Annahme der Initiative gekündigt werden müsste.

Kurz und schmerzlos:

  • Wer die Zuwanderung pauschal deckeln will, deckelt auch die Pflege.
  • Wer die Personenfreizügigkeit kündigt, kündigt auch dem deutschen Chirurgen, der Ihnen die Hüfte operiert.
  • Wer «Keine 10 Millionen» fordert, muss erklären, wer die 32’500 fehlenden Stellen besetzt – und zwar nicht 2050, sondern jetzt.

Die Initiative beantwortet diese Frage nicht. Sie stellt sie nicht einmal.

Vielleicht sollte die Frage nicht lauten: «Sind 10 Millionen genug?» Sondern: «Sind genug Pflegende da, wenn ich sie brauche?»