Ältere Arbeitnehmende: Gefragt wie nie – Visento
Ältere Arbeitnehmende: Gefragt wie nie
Politik/Gesellschaft
Ältere Arbeitnehmende sind keine Auslaufmodelle, sondern unverzichtbare Wissenstragende.

Ältere Arbeitnehmende: Gefragt wie nie

13.04.2026
von pero · 5 x gelesen

Die Rechnung ist einfach – und ernüchternd. Bis 2035 fehlen laut economiesuisse über 295'000 Vollzeitstellen. Weitere 163'000 wären nötig, um unseren Lebensstandard zu halten. Die Jungen allein können diese Lücke nicht füllen. Auch die Rekrutierung aus dem Ausland – etwa im Gesundheitswesen – reicht nicht aus.

Deshalb rückt eine Gruppe in den Fokus, die bisher oft übersehen wurde: erfahrene Arbeitnehmende ab 55 Jahren – und Menschen, die auch nach der Pensionierung noch arbeiten möchten oder können.

Was sich ändern muss: Zuhören statt abschieben

Wer auf die 55 zugeht, hat andere Bedürfnisse als mit 30. Vielleicht möchte man kürzertreten. Vielleicht neue Aufgaben übernehmen. Vielleicht einfach gehört werden. Genau hier sind die Arbeitgeber gefragt.

Costantino Serafini leitet bei Pro Senectute das Programm AvantAge. Er sagt: «Es geht darum, rechtzeitig zu fragen: Passen die Aufgaben noch? Stimmen die Bedingungen? Wie stellt sich jemand die letzten Berufsjahre vor?» Daraus können dann konkrete Schritte folgen – eine Anpassung der Arbeitszeit, neue Aufgaben oder eine gezielte Weiterbildung.

Manchmal fällt es leichter, solche Wünsche nicht dem Chef gegenüber zu äussern, sondern einer neutralen Person. Deshalb bietet AvantAge Gespräche mit Arbeitspsychologen an. Mit dem Einverständnis des Mitarbeiters gehen die Erkenntnisse anschliessend an die Personalabteilung.

Weiterbildung: Kein Alter ist zu spät

Die Welt verändert sich rasant – gerade im Bereich Technologie und künstliche Intelligenz. Wer hier nicht am Ball bleibt, gerät ins Abseits. Das gilt für alle Altersgruppen, aber für Ältere ganz besonders.

Béatrice Girod Lehmann von der HES-SO Valais-Wallis betont: «Bestimmte Kompetenzen, gerade im Bereich KI, sind heute unverzichtbar.» Die gute Nachricht: Es muss kein monatelanges Studium sein. Bereits ein- bis zweitägige Kurse können viel bewirken und neues Selbstvertrauen geben.

Auch der Bund hat das erkannt. Das Programm «Supported Employment» hilft über 50-Jährigen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, eine neue Stelle zu finden. Arbeitgeber, die mitmachen, erhalten Entschädigungen und Unterstützung bei Weiterbildungen. Und mit dem Instrument Vali50+ können Betriebe und Mitarbeitende gemeinsam herausfinden, wo Wissen aufgefrischt werden sollte.

Arbeiten nach der Pensionierung: Ja – aber richtig

Laut economiesuisse könnten 37'000 Vollzeitstellen mit Pensionierten zwischen 65 und 69 Jahren besetzt werden. Aber Achtung: Das funktioniert nur, wenn die Bedingungen stimmen. Niemand will nach einem ganzen Berufsleben das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden.

«Die Arbeit muss Freude machen», sagt Serafini. Teilzeit, flexible Einsätze, vielleicht nur wenige Stunden pro Woche – das ist der richtige Ansatz. Und die Erfahrung der Älteren ist Gold wert: Wer die Produkte und Abläufe eines Unternehmens seit Jahrzehnten kennt, kann im Kundendienst glänzen, Schwachstellen erkennen und Wissen an Jüngere weitergeben.

Die Botschaft: Erfahrung ist kein Auslaufmodell

Die Schweiz braucht ihre erfahrenen Arbeitskräfte – heute mehr denn je. Aber es liegt an den Unternehmen, die richtigen Bedingungen zu schaffen: flexible Arbeitsmodelle, altersgerechte Aufgaben, echte Wertschätzung und der Wille, in Weiterbildung zu investieren.

Wer das tut, gewinnt nicht nur Arbeitskräfte – sondern Wissen, Erfahrung und Gelassenheit, die kein Algorithmus der Welt ersetzen kann.

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